
Betonfertigteile visualisieren:
wenn das Produkt unter der Erde verschwindet
Manche Produkte sind schwer zu fotografieren, weil sie am falschen Ort liegen. Schachtunterteile, Rohre und Betonelemente stehen auf dem Werkshof, zwischen Paletten, Kies und anderen Teilen. Das Licht ist, wie es gerade ist. Das Ergebnis sieht aus wie eine Bestandsaufnahme, nicht wie ein Produkt.
Nach dem Einbau wird es nicht besser: Dann liegt das Teil unter der Erde und ist überhaupt nicht mehr zu sehen.
Genau diese Ausgangslage hatte das Betonwerk Bieren in Bad Oeynhausen. Ein Unternehmen mit einem durchdachten Corporate Design und einer neuen Website, aber Produktbildern vom Lagerplatz. Wenn der Rest des Auftritts stimmt, fallen solche Bilder besonders auf.
Schritt eins: Freisteller für das Sortiment
Angefangen haben wir mit Freistellern. Jedes Produkt einzeln, vor neutralem Hintergrund, in einheitlicher Perspektive und gleichem Licht.
Für ein Tiefbau-Sortiment ist das mehr wert als bei vielen anderen Produkten. Schachtunterteile und Rohre unterscheiden sich in Details, die auf einem Hoffoto untergehen: Anschlussrichtungen, Durchmesser, Auflageflächen, Gerinneformen. Auf einem sauberen Freisteller sieht man diese Unterschiede sofort, und ein Planer kann das passende Teil auswählen, ohne die Maßtabelle danebenzulegen.
Zum Sortiment gehören neben Schachtunterteilen und Rohren auch Kunststoff-Inliner, also Innenauskleidungen, die den Beton vor aggressiven Medien schützen. Im Freisteller ist der Inliner sofort als eigenes Bauteil erkennbar, mit eigener Oberfläche und eigener Farbe. Auf einem Hoffoto verschwindet dieser Unterschied.
Dazu kommt die Konsistenz: Ein Sortiment aus mehreren Dutzend Positionen wirkt nur dann geordnet, wenn alle Teile gleich abgebildet sind. Auf dem Werkshof ist das kaum machbar, im Rendering ist es eine Frage der Kameraposition.

Die Datenlage: vorhanden, aber zu kantig
Die Konstruktionsdaten lagen vor, teils als PDF mit eingebetteten 3D-Daten, teils als OBJ-Dateien. Nur waren sie für eine Visualisierung zu grob: zu wenige Flächen, harte Kanten, sichtbare Facetten an Rundungen.
Solche Daten stammen meist aus der Fertigungsplanung, wo es auf Maße ankommt und nicht auf Darstellung. Für ein Produktbild reicht das nicht, weil man jede Kante sieht.
Wir haben die Teile deshalb nachmodelliert, mit den vorhandenen Daten als Maßgrundlage. Das ist kein Umweg, sondern der übliche Weg, wenn Konstruktionsdaten aus einer anderen Welt kommen. Was zählt, ist am Ende die Geometrie, nicht das Ausgangsformat.


Beton, der nach Beton aussieht
Der eigentliche Aufwand steckte im Material. Beton wirkt auf den ersten Blick simpel: grau, matt, fertig. Genau dann sieht er im Bild aus wie eine graue Fläche.
Echter Beton hat eine Oberflächenstruktur mit feinen Poren, leichte Farbunterschiede über die Fläche und vor allem eines: An den Kanten ist er nie perfekt. Beim Ausschalen und beim Transport bricht an den Rundungen und Kanten immer etwas ab. Diese kleinen Ausbrüche sind es, die ein Betonteil erkennbar machen.
Wir haben diese Merkmale gezielt aufgebaut und mit dem Kunden abgestimmt, bis das Material stimmte. Ein Fachmann sieht sofort, ob ein Betonbild von jemandem kommt, der Beton kennt.
Ein zweiter Punkt kam dazu: Manche Bauteile sind farblich gekennzeichnet, teils als Erkennungsmerkmal des Herstellers, teils zur Unterscheidung von Varianten. Auch das musste im Bild korrekt sein, nicht ungefähr.
Und diese Farben ändern sich. Im Lauf der Zusammenarbeit wurden Bauteile mehrfach neu eingefärbt, von Lila über Gelb bis Blau. Weil die Modelle stehen, ist so ein Wechsel kein neues Projekt, sondern ein neuer Rendervorgang. Bei Produktfotografie hätte jede Farbänderung ein neues Musterteil und einen neuen Fototermin bedeutet.

Im Gespräch war zeitweise auch ein Konfigurator, mit dem sich Schachtsysteme aus einzelnen Teilen zusammenstellen lassen. Umgesetzt wurde er am Ende nicht, die Grundlage dafür wäre mit den vorhandenen Modellen aber gegeben gewesen.
Der Schnitt zeigt, was später niemand sieht
Aus den Freistellern wurde mit der Zeit mehr. Für einen Messeauftritt brauchte der Kunde ein Motiv, das nicht technisch, sondern einladend wirken sollte.
Entstanden ist ein Erdschnitt: ein zusammengestecktes Rohrsystem im Boden, aufgeschnitten dargestellt. Man sieht, wie die Teile ineinandergreifen, wie das Gerinne verläuft, wie tief das System liegt. Also genau das, was nach dem Verfüllen der Baugrube für immer unsichtbar ist.
Für ein Tiefbauunternehmen ist das die stärkste Darstellungsform überhaupt. Das Produkt wird gekauft, eingebaut und dann vergraben. Ein Schnitt ist die einzige Möglichkeit, es im eingebauten Zustand zu zeigen.
Warum in dem Bild Maulwürfe stecken
Ein Erdschnitt hat ein gestalterisches Problem: Er besteht zum größten Teil aus Erde. Und Erde ist braun.
Auf einem Messemotiv, das mehrere Meter breit ist, wird das schnell zu einer großen braunen Fläche, an der das Auge nichts findet. Wir haben deshalb an der Farbgebung gearbeitet, damit der Boden Struktur und Tiefe bekommt, ohne vom Produkt abzulenken.
Und wir haben Bewohner hinzugefügt. Kleine Maulwürfe mit Bauhelm in der Hausfarbe des Kunden und Spitzhacke, dazu ein paar Dinosaurierknochen im Erdreich. Das klingt albern, erfüllt aber eine Aufgabe: Auf einer Messe entscheidet sich in zwei Sekunden, ob jemand stehen bleibt. Ein technisch korrekter Schnitt wird überflogen. Ein Schnitt, in dem es etwas zu entdecken gibt, hält Blicke fest, und der Rest des Bildes bekommt Zeit zu wirken.
Der Kunde wollte ausdrücklich kein rein technisches Bild, sondern eines, das gut aussieht. Diese Details waren die Antwort darauf.

Messemotive haben eigene Regeln
Ein Bild für einen Messestand wird nicht wie ein Katalogbild geplant. Es hängt nicht flach an einer Wand, sondern ist Teil eines Aufbaus.
Deshalb muss vorher klar sein, wo später Stühle, Tische oder Tresen stehen und welcher Teil des Motivs dadurch verdeckt wird. Der Bildaufbau richtet sich danach: Das Wichtige gehört in die sichtbaren Zonen, unten und an den Rändern darf ruhig Fläche liegen.
Dazu kommt die Auflösung. Ein Messemotiv wird großformatig gedruckt und aus wenigen Metern betrachtet. Das muss von Anfang an feststehen, weil sich nachträglich nichts hochskalieren lässt. Wir fragen die geplante Verwendung deshalb immer vorab ab.
Was aus dem Projekt geworden ist
Angefangen hat es mit Freistellern für die Website. Danach kamen Detailbilder, dann das Messemotiv, und inzwischen kommt der Kunde mehrmals im Jahr mit neuen Aufgaben auf uns zu.
Das ist der übliche Verlauf, wenn die Modelle einmal stehen: Der erste Auftrag ist der aufwendigste, jeder weitere baut darauf auf. Neue Produkte fügen sich in die bestehende Bildsprache ein, weil Kamera, Licht und Material bereits definiert sind.
Ein Nebeneffekt kam dazu, den man nicht planen kann: Auf der Messe hat ein anderes Unternehmen der Branche die Bilder gesehen und nachgefragt, wer sie gemacht hat. In einer Branche, in der bisher alle mit Hoffotos gearbeitet haben, fällt ein gutes Bild auf.
Für wen sich das lohnt
Für Hersteller von Betonfertigteilen und Tiefbauprodukten, deren Sortiment auf dem Werkshof steht und deren Website besser aussehen soll als der Lagerplatz.
Für Unternehmen mit Produkten, die im eingebauten Zustand unsichtbar sind: Leitungen, Schächte, Fundamente, Entwässerungssysteme. Der Schnitt ist hier die einzige ehrliche Darstellungsform.
Für Aussteller, die ein Messemotiv brauchen, das nicht nach Datenblatt aussieht. Wie ein Bildsatz aus einem Modell für mehrere Kanäle entsteht, zeigt auch das Beispiel Freisteller, Varianten und 360-Grad-Ansichten.

